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Wie wäre es, wenn Du Deine Bildung selbst in die Hand nehmen könntest?

Alexander Hartveld erzählt uns von einer Bildungsrevolution.

Hier geht’s zum Originalartikel auf changer.org.

Alexander Hartveld hat aus seinen persönlichen Erfahrungen im Bildungswesen seine ganz eigenen Schlüsse gezogen und will diese weitergeben, indem er andere dazu ermächtigt, ihre Bildung selbst in die Hand zu nehmen.

Das Ergebnis ist der erste SOLe-Space in Wien. SOLe steht dabei für Self-Organised Learning Environment. Diese soll dann entstehen, wenn mehrere Lernwilligen sich als Gruppe einer selbst gestellten Frage oder Aufgabe annähern und diese auch gemeinsam mithilfe des Internets lösen. Bei diesem Prozess werden sie angeleitet und begleitet. Es wird von der Annahme ausgegangen, dass nicht ein Einzelner die ausschließlich wahre Antwort auf die Fragestellung hat, sondern alle Gruppenmitglieder mit all ihrem Wissen und ihren Erfahrungen gemeinsam mehr zur Lösung der Aufgabenstellung beitragen können. Darüber hinaus entwickelt Alexander mit Lingophant eine Sprachlern-App, mit der die Lernkurve von Gesprächen und Sprachtandems erhöht wird und komplett neue Unterrichtsformen möglich werden.

alexander hartveld

Was ist deine Motivation, den ersten SOLe-Space in Wien zu gründen?

Bildung ist immer ein aktuelles Thema. Das Konzept der SOLe-Spaces weist den Weg in die Zukunft. In diesem Bereich findet aktuell ein extremer Wandel statt, der sehr interessant ist. Ganz allgemein ist fast immer die Standardantwort auf die aktuellen Fragen unserer Zeit: Wir brauchen mehr oder bessere Bildung. Aber keiner sagt wie genau das passieren soll. Im bestehenden Rahmen von Schulen und Unis ist Innovation auch wirklich schwierig, es ist schwer etwas zu verändern. Gleichzeitig findet mit den digitalen Medien eine Technologierevolution statt, die auch in die Bildung einfließen wird. Das beste Beispiel dafür sind MOOCs (Massive Open Online Course). Auch 360-Grad-Kameras machen ein anderes Lernen möglich.

Welche Erfahrungen hast du selbst im Bildungswesen gemacht?

Ich habe auch eine Zeit lang in Holland studiert. Grundsätzlich war mir der Abschluss wichtig, aber dort habe ich mir die Zeit genommen auch ganz unterschiedliche Fächer abseits meines Studienplans zu belegen. Mir kommt vor, ich hatte dort mehr Chancenvielfalt, auch gibt das Unisystem dort mehr Möglichkeiten eigenverantwortlich zu studieren. Studenten organisieren sich in Verbindungen, weil es dort kein schlechtes Image hat in einer Verbindung zu sein. Das ermöglicht es, besser für Projekte oder in Lerngruppen zusammen zu arbeiten. In Österreich braucht es aus meiner Sicht mehr Möglichkeiten für Studenten um mehr Verantwortung am Studienweg übernehmen zu können. Das Ziel kann nicht nur der Abschluss sein. Dafür bedarf es einer anderen Kultur des Lernens mit mehr Zusammenarbeit. Doch es fehlen die Angebote mit technischen Möglichkeiten, die ja schon da wären aber nicht genützt werden. Bildung ist mehr als ein Wissenstransfer von einem Professor zu den Studenten. Es ist heute viel mehr möglich. Wir leben mittlerweile in einer Welt, in der Wissen frei zugänglich ist, wir müssen Lernende empowern, es sich zu holen.

Was hast du in Holland genau gemacht?

Ich habe Economics and Business in Amsterdam studiert. Nach zwei Jahren bin ich für ein Jahr in den Studentenrat gegangen, ähnlich unserer ÖH. Dort hat man in dieser Funktion aber viel mehr Mitsprache und somit mehr Möglichkeiten mitzugestalten. Man bekommt Zugang zur Organisation und den Professoren. Ich war dann auf acht Fakultäten eingeschrieben. Darüber hinaus habe ich eine Plattform kennen gelernt, wo Studenten Projekte und Kurse teilen bzw. diese starten können. Über einen so genannten Facilitator werden sie dabei begleitet. Durch die praxisnahe Ausrichtung ist es möglich, auf unterschiedlichen Ebenen und in fachfremden Bereichen interdisziplinär zu lernen und sich Soft Skills anzueignen wie Teamwork, Kommunikation und Projektmanagement. Das hat mich dazu bewogen so etwas auch in Wien zu starten.

Welchen social impact willst du damit erzielen?

Ich möchte, dass die Menschen erfahren, was alles möglich ist, indem sie selber interdisziplinäre Projekte starten, am Weg sich selbst ausprobieren und das neue Wissen weiter geben. Dafür haben wir eine Plattform im Internet geschaffen und stellen Raum für die dort angebotenen Kurse zur Verfügung.

Was ist die Philosophie dahinter?

Ich bin selber für meine Bildung verantwortlich. Wenn diese Haltung begleitet wird und die richtigen Angebote geschaffen werden, dann entsteht daraus die Erfahrung, dass jeder selbst ein Projekt starten kann und gemeinsam mit anderen ein Weg gefunden werden kann, an dessen Ende ein Erfolgserlebnis steht. Das ist das Empowerment über eine neue Lernrerfahrung – vom passiven Konsumieren zum Initiieren und aktiven Mitgestalten.

Wie siehst du die Bildung der Zukunft und wie sieht für dich die ideale Uni aus?

Jeder hat ein Bildungsbudget innerhalb dessen es möglich ist sich über ein paar Jahre hindurch auszuprobieren um herauszufinden, welche Tätigkeit den eigenen Talenten und Fähigkeiten entspricht und zu einem passt.

Eigenheiten, an denen sich die Bildung und die Unis der Zukunft orientieren sollten sind:

  • Globalisiertes Lernen: Bildungsaustausch über Grenzen hinweg
  • Dezentralisierung: Lern-Hubs egal ob in Städten oder am Land mit einer Spezialisierung, die sich ganz von selbst heraus kristallisiert, abhängig von den Menschen, die dort aktiv sind und die die Hubs mitgestalten
  • Technologieunterstützt: alle Möglichkeiten werden ausgeschöpft, wie zum Beispiel die Einbindung von Social Media, wodurch Lernerfahrungen mit anderen geteilt werden
  • Partizipation: die so genannte „agile Kurzkreation“ geht von der Annahme aus, dass mehrere Menschen gemeinsam besser Wissen generieren können als ein Vortragender auf der Uni im Frontalunterricht. Jede Person hat für sich schon ein sehr spezielles Wissen. Mit einer guten Begleitung durch den Lernprozess können sie gemeinsam die von allen mitgetragenen Inhalte lernen.

Was ist deine Vision ganz allgemein?

Jeder kann sich die Zeit nehmen den eigenen Projekten nachzugehen. Dafür braucht es mehr Möglichkeiten sich eine Auszeit in Form von zB Sabbaticals nehmen zu können. Diese Auszeit sollte dann begleitet werden, damit die Zeit optimal für sich selbst genützt werden kann. Bestenfalls wird diese Zeit im Ausland verbracht.

Dabei gibt es folgende Hürden zu überwinden: neue Wohnung, Leute, Sprache, Tätigkeit.

Dafür braucht es Begleitung und Unterstützung, die vor Ort zur Verfügung gestellt wird, wie es die Unis jetzt schon im Prinzip anbieten. Nur ist das ein zu elitärer, hochschwelliger Zugang und diese Orte sind Lernfabriken. Alle sollten den Zugang zu solchen Möglichkeiten haben und zusätzlich Freiräume vorfinden, um etwas entstehen zu lassen, das nicht geplant ist. Derzeit herrscht der Pragmatismus vor, das Denken in Lehrplänen, ECTS und Abschlüssen. So kann sich das Potential der Menschen nicht entfalten, dafür ist der Rahmen zu eng.

Heutzutage ist so etwas in der Art sowieso für Studenten über Erasmus möglich. Dann gibt es noch grenzüberschreitende Austausch-Programme am Arbeitsmarkt, was aber nur Menschen in Beschäftigung zugute kommt und wenn es die Arbeitgeber zulassen. Letztendlich erweitert Urlaub auch den Horizont. Diese Optionen sind aber insgesamt zu beschränkt um diese bereichernden Erfahrungen zu machen von denen ich hier spreche.

Mit dem internationalen SOLe-Space-Netzwerk entwickeln wir ein Blueprint davon, wie lernbereite Menschen in der Gemeinschaft lernen und leben können. Zusätzlich bauen wir die Online-Projekte-Plattform auf und fördern internationalen Austausch.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen und was braucht es noch?

Es gibt viele Angebote und Kurse auf unserer Website. Dafür suchen wir Menschen, die mitmachen in unserem Projekt, unsere Räumlichkeiten nutzen und Verantwortung dafür übernehmen. Für unsere Kurse suchen wir Menschen auf der einen Seite, die sie durchführen und Teilnehmer andererseits. Konkret geht es derzeit um den Harvard CS 50 (Introduction to Computerscience) und Social Media Content Harvesting.

Herzlichen Dank für das Interview und viel Glück dabei!

Hier hast du die Möglichkeit Alexander im Video-Interview auf unserem Whatchado-Channel kennenzulernen:

2016-10-26T19:08:20+00:00 By |opt2o interviews|

About the Author:

Menschen inspirieren und so gesellschaftliches Engagement fördern – das ist Helmuts Ziel. Erfahren in der Arbeit mit NGOs und in der Sozialarbeit ist er auch als Vorstandsmitglied schon lange im Verein tätig. Mit patron4change schenkt er Changemakern die Möglichkeit, sich vollkommen ihrer sozialen Sache verschreiben zu können.